Ministerpräsident Tillich im SZ-Interview zum Hochwasser
12. August 2010 Presse
Hochwasser: “Jetzt werden die Schäden erst sichtbar”
Nach Einschätzung des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich brauchen die vom Hochwasser betroffenen Menschen in Sachsen “schnellstmöglich Sicherheit und Klarheit, wie es weitergeht”. Dies sei zunächst eine Aufgabe der Behörden vor Ort, sagte Tillich im Interview mit der “Sächsischen Zeitung”.
Das vollständige Interview mit Stanislaw Tillich lesen Sie hier:

Stanislaw Tillich: Die Hilfskräfte haben hervorragende Arbeit geleistet.
Stanislaw Tillich: Hoffentlich wird´s nicht so schlimm wie 2002. Ich war zunächst erleichtert, als ich gehört habe, dass es nur das Ost-Erzgebirge gestreift und das Kirnitzschtal dafür stärker erwischt hat. Das wahre Ausmaß an der Neiße habe ich dann erst am Sonntag und Montag gesehen.
SZ: Wie schätzen Sie die derzeitige Lage insgesamt ein?
Tillich: Das Wasser ist zumindest zu großen Teilen weg. Damit ist aber das Schlimmste nicht vorüber, sondern jetzt werden die Schäden erst sichtbar. Die Menschen sind zum Teil wie traumatisiert oder stehen unter Schock. Jetzt kommt es darauf an, dass sie schnellstmöglich wieder in ihre Häuser zurückkehren können.
SZ: ist die Flut vergleichbar mit der Katastrophe von 2002?
Tillich: Wir hatten damals Schäden von fünf bis sechs Milliarden Euro. Damit rechne ich diesmal nicht. Aber im Einzelfall sind die Schäden natürlich genauso schlimm wie 2002. Ich habe viele eingestürzte Häuser gesehen. Wo die reißenden Fluten vorbeigestürzt sind, da gab´s kein Halten mehr.
SZ: Was ist aus Ihrer Sicht momentan das Wichtigste in den Katastrophen-Gebieten?
Tillich: Die Menschen brauchen schnellstmöglich Sicherheit und Klarheit, wie es weitergeht. Zunächst ist das eine Aufgabe der Behörden vor Ort. Als Staatsregierung werden wir jetzt beraten, wie wir den Menschen schnell helfen können.
SZ: Wie hoch wird die Schadenssumme diesmal ausfallen?
Tillich: Das lässt sich nicht sagen. Da ist die Skala nach oben noch offen. Aber ich gehe mal von einem mindest dreistelligen Millionenbetrag aus – eher darüber. Wir haben neben den vielen Schäden an Häusern auch zwei stark getroffene Unternehmen – Bombardier in Bautzen und fit in Hirschfelde. Ich werde die Behörden anweisen, dass sie da kreative und schnelle Lösungen finden, damit die Firmen bald wieder ihre Arbeit aufnehmen können.
SZ: Land und Bund haben Hilfe in Aussicht gestellt. Wie sieht die aus?
Tillich: Ich gehe davon aus, dass wir heute im Kabinett erste Entscheidungen dazu treffen. Wir sind auch in Gesprächen mit Berlin, inwieweit der Bunde bereit ist, uns zu helfen. Der Bundesinnenminister hat ja bereits deutlich gemacht, dass dies eine gemeinsame Aufgabe ist. Darum bin ich auch sehr zuversichtlich. Es wird mit Sicherheit ein Sonderprogramm geben müssen. Mehr kann ich dazu jetzt aber noch nicht sagen.
SZ: Sind Sie denn mit dem Krisenmanagement ganz zufrieden?
Tillich: Ich habe heute lernen müssen, dass Pegelstände in zehn Minuten um fast zwei Meter steigen können. Alles ging rasend schnell. Die Vorwarnung durch das Hochwasserzentrum an die lokalen Behörden hat aber gut funktioniert. Ich habe überall von den Bürgermeistern gehört, dass die Evakuierungen hervorragend liefen. Aber ich kann nicht ausschließen, dass im Einzelfall Fehler passiert sind. Wo Menschen handeln, vor allem wenn sie unter solchem Druck stehen, da passieren nun mal Fehler.
SZ: Wo ging etwas schief?
Tillich: Die Hilfskräfte haben hervorragende Arbeit geleistet. Da kann bei aller Kritik, die in Einzelfällen möglich sein mag, kein Zweifel aufkommen. Ich trage zunächst mal für die Landesbehörden Verantwortung. Die Meldewege in kritischen Stunden werde ich mir nochmals anschauen.
SZ: Es gab Kritik, dass die Warnung aus Polen nach dem Dammbruch zu ungenau war.
Tillich: Ich will jetzt weder jemanden vorverurteilen noch verteidigen. Der Bruch eines Dammes ist so ziemlich das Schlechteste, was man sich in einer solchen Gesamtsituation vorstellen kann. Wie das passieren konnte, werden polnische und deutsche Experten untersuchen. Es war gut, dass wir informiert wurden. Unser Dilemma aber war: Wir wussten nicht, ob nur ein Stück herausgebrochen oder der ganze Damm zusammengebrochen ist. Wir hatten bisher keine solchen Probleme mit Neiße-, sondern mit Elbe-Hochwasser. Daher haben wir vor allem die Kommunikationswege mit Tschechien deutlich verstärkt und erprobt. Jetzt wissen wir, dass mit Polen das eine oder andere noch verbessert werden muss.
SZ: Stichwort Hochwasserschutz. Manche Naturschutzverbände kritisieren, dass hier zu viel oder das Falsche getan wurde.
Tillich: Gerade manche Umweltverbände haben doch an der einen oder anderen Stelle nicht gerade dazu beigetragen, dass Schutzmaßnahmen schneller gebaut werden konnten. Oft kam es darum zu Verzögerungen. Wenn es um Deichrücklegungen und Neubauten geht, müssen wir künftig noch stärker die Interessen der Bevölkerung berücksichtigen. Aber: Absoluten Schutz gibt es nicht.
SZ: Wann wird von dieser Flut-Katastrophe nichts mehr zu sehen sein?
Tillich: Schwer zu sagen. Aber ich habe da großes Vertrauen in meine Landsleute. Sie packen heute schon an und versuchen, alles so schnell wie möglich in Ordnung zu bringen. Der Mut der Menschen ist wirklich bewundernswert.
SZ: Welches Bild dieser Flut wird Ihnen am stärksten in Erinnerung bleiben?
Tillich: Es gab einige Begegnungen, die sich mir besonders eingeprägt haben. Erschütternd war auch ein älterer Mann, der sich mit bescheidenen Mitteln sein altes Fachwerkhaus eingerichtet hatte, das schwer getroffen wurde. Jetzt kämpft er dafür, dass es nicht abgerissen wird. Das sind schon Schicksalsschläge, die mich sehr berühren.
Quelle: Sächsische Zeitung, 10.08.2010. Das Gespräch führte Annette Binninger.
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