Maria Michalk MdB: Wir haben die Gunst der Stunde genutzt
19. März 2010 Berichte
Am 18. März 1990 fanden die ersten und einzigen freien Wahlen zur Volkskammer der DDR statt. Eine von Ihnen ist die CDU-Bundestagsabgeordnete Maria Michalk. Sie vertritt als Direktkandidatin den Wahlkreis 157 (Bautzen I). Das Newsletter-Team der Sächsischen Union hat mit ihr gesprochen und sie zu ihren Erinnerungen an den 18. März befragt.Wir haben die Gunst der Stunde genutzt
Frau Michalk, wie haben Sie selbst damals den Moment der ersten freien Volkskammer erlebt?
Nach einem kurzen, intensiven, für uns alle ungewohnten Wahlkampf, in dem wir für Freiheit, Wohlstand, nie wieder Sozialismus und die rasche, aber geordnete Wiedervereinigung Deutschlands eingetreten sind, hat die Allianz für Deutschland entgegen aller Prognosen mit 48 Prozent die meisten Stimmen erhalten. Für 400 Sitze haben sich 24 Parteien beworben. Es war eine echte Wahl.
Ich selbst habe im Wahlkreis 03 (Bezirk Dresden) auf der Liste der CDU auf Platz 2 kandidiert und bin somit Volkskammerabgeordnete geworden. Am Wahlsonntag wusste ich noch nicht, dass die Volkskammer nach ihrer Konstituierung am 5. April jede Woche in Berlin tagen wird, was die Aufgabe meiner Berufstätigkeit bedeutete.
Das Ziel meiner neuen Arbeit war klar, aber den Weg dahin hatte ich mehr im Gefühl, als im Wissen. Ich kam in kurzer Zeit mit vielen mir bis dato unbekannten Menschen zusammen und unterstellte einfach, dass sie so dachten wie ich. Wir haben viel miteinander diskutiert und um optimale Lösungen gerungen.
Aber wir haben keine “Schaufensterreden” gehalten, wie man sie heute zum Teil erleben kann. Dafür hatten wir keine Zeit. Wir waren ungeübt im “politischen Geschäft”. Deshalb lief manche Sitzung nicht so glatt, wie wir es heute kennen. Da jede Volkskammersitzung im Fernsehen im Original übertragen wurde, was auch ein Novum war, mussten wir lernen, mit dieser von uns gewollten Transparenz umzugehen.
Wie ist Ihnen der Tag in Erinnerung geblieben?
Der 18. März 1990 war ein sonniger Frühlingstag. Ich ging mit meinem Mann nach dem Gottesdienst in das Wahllokal in Spreewiese zur Stimmenabgabe. Zeitungsredakteure standen vor der Tür und fragten mich viele Dinge. Das war ungewohnt.
Danach habe ich wie immer Mittagessen gekocht, unsere drei Kinder haben Hausaufgaben gemacht. Am Nachmittag gab es den traditionellen Familienausflug. An eine Wahlparty kann ich mich nicht erinnern. Das endgültige Wahlergebnis habe ich erst am nächsten Tag erfahren.
Wie haben Sie das Ergebnis der Stimmenauszählung wahrgenommen?
Da ich mich auf die Gespräche mit den Leuten vor Ort konzentriert habe und die Stimmung glaubte zu kennen, hat mich das Ergebnis nicht überrascht. Aber ich habe mich sehr gefreut, dass wir im Kreis Bautzen für die CDU allein 54,74 Prozent erreichen konnten. Die Allianz für Deutschland kam zusammen auf 64,58 Prozent.
Zeitgleich wuchs die Erkenntnis, dass jetzt eine große Verantwortung auf allen Gewählten liegt.
Haben sich Ihre Hoffnungen von damals im Rückblick erfüllt?
Ja, wir haben die Gunst der Stunde genutzt und einerseits eine schnelle Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion im ersten Schritt, und im zweiten Schritt mit Verabschiedung des Einigungsvertrages dann am 3. Oktober die staatliche Einheit vollzogen.
Die Volkskammer ist angetreten, um sich so bald als möglich auflösen zu können. Unser Ziel und unsere Hoffnung haben sich erfüllt, weil wir wussten, dass auf beiden Seiten Deutschlands Geduld und Einfühlungsvermögen nötig sind.
Zwar haben sich nicht immer und zu jeder Zeit alle handelnden Akteure auf den jeweiligen Entscheidungsebenen daran gehalten. Aber die Mehrheit hat die historische Chance verstanden.
Wie blicken Sie aus der zeitlichen Distanz von 20 Jahren auf diese Phase Ihrer Biografie zurück?
Es war ein ganz besonderes Geschenk, diesen historischen Prozess miterleben und gestalten zu dürfen. Die Erfahrung aus dieser Zeit gibt mir heute noch Kraft, manche Unwegsamkeit im aktuellen politischen Prozess zu verstehen und mit zu gestalten und die Zuversicht zu haben, dass es für alle Herausforderungen unserer Zeit eine Lösung gibt.
Quelle: CDU Sachsen
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