Die Saat des Spalters Nolle darf nicht aufgehen

Von Steffen Flath MdL, Fraktionsvorsitzender

Aus: Sachsens Mitte, März 2009 (Informationsdienst der CDU-Frakation)

Aus: Sachsens Mitte, März 2009 (Informationsdienst der CDU-Frakation)

Georg Dertinger war das, was der SPD-Politiker Karl Nolle als Blockflöte bezeichnet. Kurz nach Ende des 2. Weltkrieges wurde Dertinger Mitglied der CDU in der Sowjetischen Besetzungszone, amtierte ein Jahr später als Generalsekretär der CDU und wurde 1949 sogar der erste Außenminister der DDR. Anfang 1953 kam die steile Karriere Georg Dertingers zu einem überraschenden Ende. Die Staatssicherheit verhaftete den Politiker und verurteilte ihn zu 15 Jahren Zuchthaus. Seine Ehefrau erhielt acht Jahre und sein ältester damals 15-jähriger Sohn drei Jahre Zuchthaus. Die kaum jüngere Tochter wurde nach einer Haft zu der ins Erzgebirge verbannten Großmutter gegeben. Der mit acht Jahren jüngste Sohn kam unter fremden Namen bei einer SED-treuen Familie in Pflege. Warum wurde Dertinger so hart bestraft und seine Familie in Sippenhaft genommen? Als Minister für Auswärtige Angelegenheiten bemühte sich der Christdemokrat um ein wiedervereinigtes Deutschland. Damit stand er den Interessen der Sowjetunion und SED-Führung entgegen. Grund genug für die Staatssicherheit, Dertinger und seine Familie wegen „Spionage und Verschwörung“ von der politischen Bildfläche verschwinden zu lassen.

Dertingers Vision, die ihn Anfang der 50er Jahre ins Bautzener Stasi-Gefängnis brachte, wurde 40 Jahre später Wirklichkeit: Die deutsche Einheit. In diesem Jahr erinnern wir uns an die friedliche Revolution des Jahres 1989. Vor 20 Jahren fiel die Mauer. In dieses Jubiläum platzt die angekündigte Buchveröffentlichung „Sonate für Blockflöten und Schalmeien“ von Karl Nolle und reißt alte Gräben zwischen Ost und West wieder auf. Kaum ein Zeitungsartikel über das Phantombuch, der nicht mit einer Flut von Leserbriefen beantwortet wird. „Ein Wessi kann sich kein Urteil über ostdeutsche Lebensläufe erlauben“ – lautet einer der harmlosesten Vorwürfe. In zahlreichen Reaktionen tauchen erledigt geglaubte Ressentiments gegen Westdeutsche wieder auf. So verständlich die Äußerungen sind, so verheerend wirken sie auf den Wiedervereinigungsprozess. Es wäre ein Treppenwitz der Geschichte, wenn es dem Autor Nolle gelingen würde, 20 Jahre nach dem Mauerfall, die Mauer in den Köpfen wieder hochzuziehen.

Mehr Gelassenheit
Viel spricht dafür, mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Buch zu beweisen. Ob die CDU ihre Geschichte und Verantwortung als ehemalige Blockpartei ausreichend aufarbeitet, können Historiker bewerten, aber nicht ein wahlkämpfender Landtagsabgeordneter. Und dass sich die Sachsen nicht von einem Politiker westdeutscher Herkunft ihre Vergangenheit beurteilen lassen wollen, haben sie durch eine beispielhafte Solidarisierungswelle für unseren Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich bereits bewiesen. Allerdings in einem Punkt muss die Union dem SPD-Politiker energisch Widerstand leisten: der spaltenden Wirkung seines Buches. 20 Jahre nach der friedlichen Revolution darf die Herkunft Ost oder West keine Rolle mehr spielen. Gerade die Union, die wie keine andere Partei für die Deutsche Einheit steht, muss zusammenführen, was Nolle wieder trennen möchte. Die Saat des Spalters darf nicht aufgehen.