Steffen Flath: "Für die meisten war es eine tägliche Grenzwanderung"
19. September 2008 Presse, Standpunkt
Steffen Flath im Gespräch mit Hubert Kämper, in Freie Presse vom 18.09.2008, S. 6
Der stellvertretende Landesvorsitzende der Sächsischen Union und CDU-Fraktionsvorsitzende im Sächsischen Landtag Steffen Flath hat sich in einem Interview mit der Freien Presse (18.09.2008) über seine politische Vergangenheit geäußert. Anlass ist die Diskussion über die sogenannte “Blockflöten” in der DDR. “Ein Großteil der Mitglieder hat die CDU als Zufluchtsort genutzt, um Ruhe vor der SED zu haben. Natürlich gab es auch Mitglieder in den Blockparteien, die bessere SED-Leute waren. Für die meisten war es aber eine tägliche Grenzwanderung, die auch geprägt war von der Verantwortung gegenüber der Familie”, so Steffen Flath.
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Freie Presse: Mit Innenminister Buttolo, Sozialministerin Claus und Umweltminister Kupfer sind drei so genannte Blockflöten Minister des Regierungschefs und früheren Ost-CDU-Mitglieds Tillich. Macht das Ihre Partei nicht angreifbar?
Steffen Flath: Ich denke, auch dieses Thema zählt zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Deswegen sollten wir uns ihm stellen und zwar unverkrampft und offen. Die DDR hat nicht nur Helden und Widerstandskämpfer, sondern vor allem normale Menschen hervorgebracht, die in ihrer kleinen oder großen Nische im christlichen Sinne politisch gewirkt haben. Wer die Diktatur uneingeschränkt unterstützen wollte, ging in die SED. Das waren reichlich zwei von 17 Millionen Bürgern. Das war eine deutliche Minderheit. Deshalb scheute die DDR-Obrigkeit freie und demokratische Wahlen wie der Teufel das Weihwasser.
Freie Presse: Beim Thema DDR reagieren Sie so scharf und ablehnend wie kein Zweiter in Ihrer Partei. Warum?
Steffen Flath: Weil ich damit auch allen Tendenzen, dieses Unrechtssystem zum Kuschelstaat schönzuerinnern, entgegen treten möchte. Die DDR hat uns unserer Freiheit beraubt, sie hat die Umwelt und die Wirtschaft ruiniert. Das wird nach knapp 20 Jahren Wiedervereinigung leider von linken Ideologen geleugnet und von vielen Menschen verdrängt.
Freie Presse: Die Union solle sich nicht zu weit aus dem Fenster legen, warnt Linksparteichef Oskar Lafontaine und verweist auf die Vergangenheit der Ministerpräsidenten Althaus, Böhmer und Tillich in der Ost-CDU.
Steffen Flath: Es ist doch logisch, dass ein Demagoge wie Lafontaine Ablenkungsmanöver startet, wenn er sich angesichts seiner Verharmlosung des SED-Staates in die Enge gedrängt fühlt. Die damaligen Machthaber der DDR mit Mitläufern der Ost-CDU zu vergleichen, ist doch makaber.
Freie Presse: Waren Sie auch ein Mitläufer?
Steffen Flath: Mein Beweggrund, 1983 in die CDU einzutreten, war schlicht pragmatischer Natur: Ich wollte den penetranten Anwerbungsversuchen der SED entgehen. Ich erfuhr nämlich, erst nachdem ich ein Jahr zuvor eine Abteilungsleiterstelle in einem landwirtschaftlichen Betrieb eingenommen hatte, dass ich auf einer SED-Stelle platziert war. Um endlich Ruhe zu haben, bin ich in die CDU eingetreten.
Freie Presse: … obwohl Sie wussten, dass die CDU als Blockpartei nur als demokratisches Feigenblatt der DDR diente?
Steffen Flath: Natürlich wusste ich, dass es in der DDR keine Opposition gab und die CDU keine Oppositionspartei war. Ich bin damals in den Ortsverband Buchholz eingetreten und wurde schnell Ortsvorsitzender. Der Verband setzte sich aus Kirchenvorstandsmitgliedern, aus Handwerkern und Händlern zusammen. Man war froh, dass ein Jüngerer kam, der half, sich vieler Bürgeranliegen anzunehmen.
Freie Presse: Aber Widerstand gegen die SED hat die CDU nicht geleistet?
Steffen Flath: Ein Großteil der Mitglieder hat die CDU als Zufluchtsort genutzt, um Ruhe vor der SED zu haben. Natürlich gab es auch Mitglieder in den Blockparteien, die bessere SED-Leute waren. Für die meisten war es aber eine tägliche Grenzwanderung, die auch geprägt war von der Verantwortung gegenüber der Familie.
Freie Presse: Ist Ihr Widerstand gegen das DDR-System erst nach der Wende gewachsen?
Steffen Flath: Nein. Die innere Ablehnung war stets vorhanden, auch geprägt durch familiäre Erfahrungen aus dem Umgang mit aktiven Christen. Aber erst nach der Wende, zunächst im Neuen Forum, dann bei der CDU, habe ich Mandate übernommen und damit eine politische Wirksamkeit erreicht.
Freie Presse: Mit der Behauptung, der Arbeiter-und-Bauern-Staat habe nur einer Elite eine bessere Bildung ermöglicht, haben Sie im Vorjahr viel Aufregung ausgelöst. Sie selbst sind aber nicht am Studium gehindert worden.
Steffen Flath: Meine Zahlen haben zwar provoziert, aber sie stimmen: Arbeiter- und Bauernkinder waren beim Studium unterprivilegiert, die DDR hat weitgehend ihre Partei-Elite gefördert. Die DDR hatte 10 Prozent Abiturienten, heute sind es 40 Prozent. Und die Zahl der Studenten lag weit unter den Zahlen der kapitalistischen Bundesrepublik. Was mich betrifft: Ich durfte in der Tat Landwirtschaft studieren, habe aber erfolgreich die Laufbahn eines Reserveoffiziers abgelehnt. Meiner Forderung, zuvor müsse sich die NVA ihres nationalsozialistischen Erbes entledigen, konnte die Obrigkeit nicht entsprechen.
(Quelle: Freie Presse/Hubert Kemper; via cdu-sachsen.de)
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